nonverbale Kommunikation durch sichtbare Signale


nonverbale Kommunikation durch sichtbare Signale
nonverbale Kommunikation durch sichtbare Signale
 
Im Physiologielehrbuch von Hermann Rein und Max Schneider heißt es: »Der Mensch ist ein ausgesprochenes Augenwesen. Man kann schätzen, dass 40 Prozent des sensorischen Eingangs zu den Zentren [des Gehirns] von der Million Opticusfasern [den Fasern der dicken Sehnerven beider Augen] stammen. Der große Zustrom von Erregungen aus diesem Sinnesorgan ist sicherlich nicht der einzige Grund für unsere starke Abhängigkeit gerade von den optischen Signalen [..., bildet aber] eines der Substrate für diese Entwicklung«.
 
Auf den ersten Blick scheint den meisten Menschen tatsächlich ein Verlust des Augenlichts dem Verlust wesentlicher Teile der Kommunikation gleichbedeutend. Zahllose Beispiele (etwa die oft beeindruckenden geistigen Leistungen blinder Menschen) legen jedoch nahe, dass uns vielmehr das Gehör ermöglicht, viele typisch menschliche Fähigkeiten zu entwickeln, die wichtige Bereiche unserer Kommunikation unterstützen, wie zum Beispiel die Sprachfähigkeit, das Herstellen sinnvoller Zusammenhänge oder die Informationsspeicherung.
 
 
Die Gestik, im engeren Sinne die Information übermittelnden Bewegungen der Hände und Arme, im weiteren Sinne die ebenfalls bedeutungstragende Signale aussendenden Änderungen der Körperhaltung insgesamt, setzen wir vor allem als sprachbegleitendes Element ein. Aussagen, die wir machen oder die wir von anderen hören, sollen damit unterstrichen oder illustriert werden. Ebenso wie die Sprache sind auch die meisten Gesten kulturell geformt, eine Ausnahme ist das Deuten mit dem Zeigefinger. Diese Bewegung, für die ein eigener Muskel, der Musculus extensor indicis longus existiert, ist nicht nur in allen Kulturen, sondern auch in allen Lebensstadien des Menschen, so bereits beim Säugling, zu beobachten.
 
Neben der sprachbegleitenden Funktion besitzen Gesten auch ein sprachunabhängiges kulturelles Eigenleben. Wir alle kennen — meist aggressive — Gesten wie den »Vogel zeigen« oder das abschätzige Herunterfallenlassen der Hand mit der Bedeutung »Du bist ein hoffnungsloser Fall«. In den letzten Jahrzehnten wurden bei uns etliche solcher Gesten aus dem Mittelmeerraum übernommen, beispielsweise die Geste, die linke Faust in die rechte Armbeuge zu legen und gleichzeitig den rechten Unterarm aufwärts schnellen zu lassen oder der ausgestreckte, nach oben zeigende Mittelfinger. Beide vermitteln aggressive Botschaften mit sexueller Nebenbedeutung.
 
Andere Formen der Gestik werden als körperbezogene Manipulationen bezeichnet. Diese entstehen oft aus »Übersprungbewegungen«, etwa wenn man sich aus Verlegenheit am Kopf kratzt, als Zeichen der Verzweiflung sich die Haare rauft oder sich auf die Lippen beißt.
 
 Kopfnicken und Kopfschütteln
 
Kopfbewegungen wie das Kopfschütteln und das Kopfnicken kann man ebenfalls zu den Gesten zählen, wenn sie auch gewisse Ähnlichkeiten mit der Mimik haben. Sie haben eine besondere praktische und theoretische Bedeutung. In nahezu allen Kulturen der Welt ist Kopfschütteln das Zeichen für »nein«, Kopfnicken dagegen für »ja«. Charles Darwin hat in seinem Werk »The Expression of Emotions in Man and Animals« von 1872 den entscheidenden Hinweis gegeben, der die Humanethologie plausible Erklärungen für die Universalität gerader dieser Gesten finden ließ: Bereits Säuglinge drehen den Kopf zur Seite, wenn sie einem von vorn kommenden Reiz ausweichen wollen. Sie wenden — wie die Erwachsenen auch — somit Augen und Nase beim nichtsprachlichen »Nein« von dem unerwünschten Reiz ab; eine unwillkürliche und kaum bewusste Reaktion. Um aus dem »weißen Rauschen« der vielen Körperbewegungen zum Signal erhoben zu werden, wird die Bewegung stärker ausgeführt (und somit die Amplitude vergrößert) und mehrmals wiederholt (das heißt die Frequenz erhöht). Es entsteht das typische Kopfschütteln als Musterbeispiel biologischer Ritualisierung.
 
Als nicht sprachliches »Ja« findet sich in den weitaus meisten Kulturen das Senken des Kopfes, das wir Kopfnicken nennen. Hier handelt es sich wahrscheinlich um eine Art der Demutsgeste, wie sie auch aus dem Tierreich bekannt ist. Wir neigen den Kopf nach unten, vollziehen also das Gegenteil des herrischen Kopf-nach-oben-Streckens, und beugen uns so symbolisch dem Interaktionspartner.
 
In Griechenland und Bulgarien sowie in Teilen Italiens verwenden die Menschen andere nichtsprachliche Zeichen, um Zustimmung und Ablehnung auszudrücken. Entgegen landläufiger Meinung stellen diese aber keine Umkehrung des ansonsten universal verbreiteten Signals dar. Die Verneinung wird in diesen Gebieten nicht durch das Neigen des Kopfes angezeigt — das wäre der Todesstoß für die oben beschriebene Hypothese —; vielmehr wird der Kopf hochgeworfen. Zusammen mit diesem Zeichen des Stolzes, dem Hinweisen auf die eigene Person und Meinung, schließen die Griechen zusätzlich die Augen und rümpfen die Nase — ethologisch gesehen eine klare Geste der Ablehnung. Wie beim Kopfschütteln werden Auge und Nase abgewendet, in diesem Fall eben nach oben, und sogar symbolisch verschlossen. Zustimmung wird in diesen Regionen durch ein wiegendes, langsames Hin- und Herbewegen des Kopfes, und nicht etwa durch unser Kopfschütteln ausgedrückt. So erkennen wir seine Bedeutung unschwer als Geste des Abwägens oder Abschätzens, die hier durch kulturelle Übereinkunft zum Zeichen der Zustimmung wurde.
 
Verblüffenderweise verläuft im Süden Italiens eine scharfe Grenze zwischen den Regionen, in denen die beiden unterschiedlichen Formen der Bejahung oder Verneinung gebräuchlich sind. Sie markiert die Grenze der frühen griechischen Besiedlung Italiens und ist somit seit mehr als zwei Jahrtausenden unverändert erhalten geblieben. Das zeigt, wie erstaunlich stabil und konservativ solche kulturellen Traditionen sind.
 
 
Die Mimik ist in gewisser Weise das Gegenteil der Sprache. Ihr Signalapparat ist am Gesicht festgewachsen, ihre Botschaften können nicht frei formuliert werden, wie die Wörter der Sprechorgane, sondern sind auf eine im Wesentlichen zweidimensionale Geometrie beschränkt: Die Haut um die Augen, den Mund, die Stirn und das Kinn lässt sich nur nach oben oder unten, innen oder außen verschieben. Ist einerseits die Bewegungsfreiheit des mimischen Reliefs aus Muskeln, Binde- und Fettgewebe sowie der Haut begrenzt, so können doch andererseits die zahlreichen mimischen Einheiten zu einem ausdrucksstarken Gesamtsystem kombiniert werden, dessen Botschaften sehr differenziert sind.
 
Obwohl wir Menschen auf einen ungeheuer reich entwickelten Wortschatz zurückgreifen können, wenn wir anderen etwas mitteilen wollen, ist erstaunlicherweise auch unsere Mimik den Tieren überlegen: So zeigen anatomische Untersuchungen der mimischen Muskeln bei Menschenaffen, dass zwar eine große Ähnlichkeit mit der des Menschen besteht, dass die Muskelstränge bei Schimpansen und anderen Primatenarten jedoch etwas weniger zahlreich und weniger fein ziseliert sind. Wir sind somit nicht nur mit der Fähigkeit zur Sprache, sondern obendrein noch mit der leistungsfähigsten Mimik des Tierreiches ausgestattet. Für uns sind offenbar die Übermittlung von Gefühlen und inneren Stimmungen — die Hauptaufgabe der Mimik — noch wichtiger als für unsere Primaten-Verwandten; ein weiterer Hinweis darauf, wie sehr wir mit unserer Biologie und Psyche auf das Leben als Gruppenwesen, als »animal sociale«, festgelegt sind.
 
 Der Spiegel der Seele?
 
Gemessen an der Bedeutung der Mimik für die innerartliche Kommunikation haben sich bis vor einigen Jahrzehnten vergleichsweise wenige Wissenschaftler mit den flüchtigen und überwiegend unbewusst wahrgenommenen Veränderungen im Oberflächenrelief des Gesichts beschäftigt. Die weitgehend unveränderlichen Charakteristika der Physiognomie, von der knöchernen Struktur des Kopfes und der Weichteilstruktur des Gesichtes bestimmt, fanden dagegen mehr Aufmerksamkeit. Ende des 18. Jahrhunderts entstand die Physiognomik, die sich mit den dauerhaften Formen menschlicher Gesichter befasst. Diese Lehre definierte der Göttinger Physiker und Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg als die Fertigkeit, »aus der Form und Beschaffenheit der äußeren Teile des menschlichen Körpers, hauptsächlich des Gesichts, ausschließlich aller vorübergehenden Zeichen der Gemütsbewegungen, die Beschaffenheit des Geistes und des Herzens [eines Menschen] zu finden«. Sie übte zeitweise eine beträchtliche Wirkung auf die sich entwickelnde Psychologie aus und erfreut sich noch heute in einigen unaufgeklärten Kreisen einer gewissen Beliebtheit.
 
Hauptverfechter der Physiognomik war der Schweizer Theologe Johann Kaspar Lavater. Er versuchte in seinen zwischen 1775 und 1778 erschienenen »Physiognomischen Fragmenten« anhand zahlreicher Beispiele zu belegen, dass es möglich sei, etwa an der Nasenform und einigen anderen Kennzeichen festzustellen, ob jemand von seinen Anlagen her zum Genie oder zum Verbrecher bestimmt sei. Die Vermessung des Schädels und die Zuordnung von Charaktereigenschaften zu bestimmten Gesichtszügen wurde in der »Rassenlehre« des Nationalsozialismus in schrecklicher Weise wieder aufgegriffen. Entsprechende Texte und Abbildungen fanden sich bis vor kurzem neben einer absurden Missdeutung der biologischen Vererbungslehre selbst in (zum Teil bis heute) anerkannten Lehrbüchern der Psychologie.
 
Bereits Lichtenberg, der nach anfänglicher Sympathie zum scharfen Kritiker der Physiognomik wurde, hat ihren gefährlichen Behauptungen entgegengehalten: »Wenn jemand sagte: du handelst zwar wie ein ehrlicher Mann, ich sehe aber aus deiner Figur [den Gesichtszügen], du zwingst dich und bist ein Schelm im Herzen: Fürwahr eine solche Anrede wird bis ans Ende der Welt von jedem braven Kerl mit einer Ohrfeige erwidert werden«. Hinter der Physiognomik Lavaters steckte zwar die zutreffende Annahme, dass das Gesicht eine ganze Menge über das »Innere« des Menschen verrate, doch es ist primär die Mimik, die uns Einblick in die Gefühle, Stimmungen und Handlungsabsichten unserer Gegenüber gibt. Die durch das knöcherne Skelett des Schädels gegebenen Merkmale sind nicht geeignet, Auskunft über einen Menschen zu geben. Allerdings besteht ein funktionaler Zusammenhang zwischen der Mimik und der Physiognomie, den Friedrich Schiller in seinem Aufsatz »Über Anmut und Würde« von 1793 so beschrieb: Die »festen Züge waren ursprünglich nichts als Bewegungen, die endlich bei oftmaliger Erneuerung [gewohnheitsmäßig] wurden und bleibende Spuren eindrückten. [...] Endlich bildet sich der Geist sogar seinen Körper, und der Bau selbst muss dem Spiele folgen, sodass sich die Anmut zuletzt nicht selten in architektonische Schönheit verwandelt.«
 
Tatsächlich weisen Menschen, die viel lächeln und lachen, ab dem mittleren Alter die typischen »Krähenfüßchen«, kleine, permanent vorhandene Fältchen an den Augenwinkeln, auf. Sie entstehen, wenn beim herzlichen Lächeln mit den Mundwinkeln auch die Wangen angehoben werden, sodass sich die Haut an den Augenwinkeln in Falten zusammenschiebt. In dem älter und weniger elastisch werdenden Gewebe entstehen so Schillers »bleibende Spuren«. Wer umgekehrt häufig ein trauriges Gesicht macht und die Mundwinkel nach unten zieht, bei dem hinterlässt die Stimmungslage im Laufe der Zeit ebenfalls verräterische mimische Spuren: Er zeigt auch dann ein missgelauntes Gesicht, wenn er gar nicht traurig ist. Wie der Volksmund sagt: »Ab dreißig ist man für sein Gesicht selbst verantwortlich.«
 
 Anfänge der Mimikanalyse
 
Es ist nicht verwunderlich, dass physiognomische (und nicht etwa mimische) Aspekte so lange im Vordergrund der wissenschaftlichen Betrachtung standen, wenn man bedenkt, dass die Bewegungsabläufe im mimischen Relief unseres Gesichts in Zeichnungen und Gemälden nur statisch und damit unvollkommen festgehalten werden können. Erst mit der Möglichkeit, bestimmte, allerdings meist durch Schauspieler gestellte und für eine scharfe Abbildung »gefrorene« Gesichtsausdrücke auf fotografische Platten zu bannen, begann das Zeitalter der genaueren Erfassung der Mimik. Kinematographie und schließlich die Videotechnik schafften die technischen Voraussetzungen, die mimischen Bewegungen aufzuzeichnen und durch eine verlangsamte Wiedergabe genauer zu analysieren.
 
Daneben führte die Einsicht in die elektrische Reizbarkeit von Nervenzellen, wie sie sich im 19. Jahrhundert durchsetzte, zu einem verstärkten Interesse an den mimischen Phänomenen. So erzeugte der französische Neurologe Guillaume Duchenne Kontraktionen der Gesichtsmuskeln, indem er die entsprechenden Partien des Gesichts und des Halses der Versuchspersonen elektrisch reizte. Die dabei entstandenen, teilweise sehr heftigen Ausdrucksbewegungen trugen zum Verständnis der neuromuskulären Grundlagen der Mimik bei, waren jedoch nur Reflexreaktionen. Tatsächlich werden die Gesichtsmuskeln über ein Bündel von Nervenfasern, die im Nerv für die mimische Muskulatur, dem Nervus facialis (dem siebten Hirnnerv) zusammengefasst sind, vom Gehirn aus gesteuert, sodass das jeweils bestimmte mimische Ausdrucksmuster für eine spezifische Emotion entsteht. Die internationale Literatur beschreibt mittlerweile ein Minimum von sechs Grundemotionen, die in allen Kulturen existieren sollen: Freude, Trauer, Ekel, Überraschung, Wut und Angst. Die den ersten drei emotionalen Zuständen entsprechende Mimik wird weiter unten besprochen.
 
 
Die scheinbare Entsprechung von emotionalem Ausdruck und Emotion veranlasste den Amerikaner William James und den Dänen Carl Lange Ende des 19. Jahrhunderts, eine Theorie aufzustellen, wonach ein Mensch zum Beispiel froh ist, wenn er lacht oder traurig ist, wenn er weint. Emotionen bleiben ihr zufolge zunächst rein subjektive Erlebnisse, sodass das »Mitfühlen« dieser Emotionen jedoch keine sichere Aussage über das »Innenleben« des Gegenübers liefert. Die Theorie von James und Lange wird durch eine eigentümliche Tatsache gestützt. Emotionen werden von Veränderungen der Herzfrequenz, der peripheren Durchblutung (in deren Folge sich die Hauttemperatur ändert), des Blutdrucks und anderen physiologischen Phänomenen begleitet. Wut erhöht den Puls und Blutdruck und senkt die Hauttemperatur. Freude erhöht sowohl die periphere Durchblutung als auch den Puls, Ekel lässt beide Werte sinken. Eine Untersuchung zeigte, dass sich diese physiologischen Veränderungen auch einstellen, wenn eine bestimmte Emotion nur simuliert ist: Versuchspersonen wurden angewiesen, den zu einer Emotion passenden Gesichtsausdruck zu spielen, die ein Versuchsleiter vorgab. Bei vielen Versuchspersonen änderten sich Puls oder Hauttemperatur und einige fühlten schließlich auch die Emotion, die sie zunächst simulierten. Es besteht also wohl ein Rückkopplungsmechanismus zwischen der Wahrnehmung von Veränderungen im Gesicht (zum Beispiel Bewegungen oder Muskelspannungen) und jenen Zentren im Gehirn, die für die Erzeugung einer bestimmten Emotion eine wichtige Rolle spielen. Insofern ist die Theorie von James und Lange nicht ganz falsch; wir werden wohl etwas trauriger, wenn wir die mit dem Trauergesicht einhergehenden Veränderungen in unserem Gesicht registrieren. Dennoch dürften Emotionen in erster Linie vom »Inneren« unseres Gehirns und nicht von der äußeren Schicht unseres Körpers erzeugt werden.
 
Wie aber wirken Emotionen, wie können sie unser Denken und Handeln beeinflussen? Emotionen haben ihre körperliche Basis in komplexen neurophysiologischen Prozessen, die zwischen unterschiedlichen Hirnteilen ablaufen. Als solche sind sie messbar. Ihren Ausdruck finden sie im Verhalten, sodass von emotionalem Verhalten gesprochen werden kann. Mit Blick auf den Menschen als fühlendes und sich seiner selbst bewusstes Wesen aber ist eine dritte Ebene entscheidend, die die Emotionen kennzeichnet — die des Bewusstseins. Gerade unser bewusstes Erleben der Welt wird wesentlich von unseren Emotionen bestimmt. Schon David Hume nannte das Bewusstsein einen Sklaven der Gefühle. Wie groß der Einfluss der Emotionen auf die Wahrnehmung von Signalen sein kann, zeigt das Priming (Prägung). Um das zu untersuchen, wurde Versuchspersonen ein Stummfilm gezeigt, der eine neutrale Gesprächssituation wiedergab. Einigen Versuchsteilnehmern wurden vorher, zusammen mit aggressiv gefärbten Wörtern, andere Filme präsentiert. Emotional geprägt interpretierten diese Personen die neutrale Unterhaltung signifikant häufiger als Streit, sahen also im nonverbalen Verhalten andere Emotionen ausgedrückt, als Personen, die den Film unvoreingenommen sahen.
 
Der Grund, warum Emotionen einerseits völlig unbewusst entstehen und andererseits auf die Vorgänge des bewussten Denkens Einfluss haben, liegt vermutlich in einer funktionalen Zweiteilung. Die Sinneswahrnehmungen werden über Nervenbahnen vom Großhirn zur Amygdala (dem Mandelkernkomplex) im limbischen System übermittelt und rufen dort eine emotionale Reaktion hervor, die wieder zum Großhirn zurückwirkt. Dabei scheinen die verschiedenen Hirnanteile eine unterschiedliche Rolle zu spielen. Bestimmte Reize werden allerdings direkt vom Thalamus, einer im Zwischenhirn gelagerten »Relaisstation« zwischen Groß- und Mittel- beziehungsweise Endhirn, in die Amygdala weitergeleitet, unter Umgehung des Großhirns und damit der Sphäre des Bewusstseins. So sind sehr schnelle Reaktionen auf Reize möglich, die uns etwa eine Flucht ermöglichen, noch bevor wir uns bewusst werden, was genau vor sich geht. Die Amygdala ihrerseits ist mit dem motorischen Gesichtsnerv (Nervus facialis) verbunden, kann also die mimische Reaktion auf Gefühle auch direkt bewirken.
 
 Können Taubblinde lächeln?
 
Ein weiterer Durchbruch im Verständnis der Mimik als eines partiell unbewusst funktionierenden und von Lerneffekten weitgehend freien Systems der Kommunikation gelang 1973 mit Filmdokumentationen, die Irenäus Eibl-Eibesfeldt, in Weiterführung einer Idee Darwins, von Kindern machte, die nicht nur blind, sondern auch taub geboren worden waren. Diese Kinder, deren Mütter meist in einer bestimmten Phase der Schwangerschaft an Röteln erkrankt waren, können das Gesicht ihrer Eltern nie sehen und deren lobende oder tadelnde Worte nicht hören. Ihr mimischer Ausdruck kann daher nur von innen bestimmt, also angeboren sein. Er ist eine Folge jener festen Verschaltung emotionaler Reaktionen mit den Teilen des Gehirns, die die mimischen Reaktionen hervorrufen. Daher signalisieren die taubblind geborenen Kinder durch Herunterziehen der Mundwinkel genauso Traurigkeit wie sehende und durch Anheben der Mundwinkel Freude.
 
Dass elementare Ausdrucksweisen der menschlichen Mimik tatsächlich auf biologischer Basis erzeugt und verstanden werden, ist inzwischen vor allem durch kulturvergleichende Studien belegt. Kritiker dieser Untersuchungen betonen dagegen die hohe Varianz der Mimik in den verschiedenen Kulturen. Im Bereich des Wahrnehmens der mimischen Zeichen könnten Unterschiede durch Erziehung und kulturelle Übereinkunft entstehen. Es wäre denkbar, dass der Ausdruck bestimmter Gefühle in den alltäglichen Interaktionen der Menschen von der Kultur festgelegt ist, also auch Ausdrucksformen, wie die des japanischen Kabuki-Theaters. Belege für eine solche Kulturspezifität der Mimik, wie sie die Kritiker annehmen, etwa das Verlegenheitslächeln in asiatischen Gesellschaften, sind jedoch erstens spärlich und können zudem meist evolutionsbiologisch erklärt werden. Mimische Unterschiede zwischen den Kulturen beruhen sehr wahrscheinlich viel weniger darauf, dass bestimmte Zeichen in ganz anderen Situationen ausgesendet werden oder ganz andere Bedeutungen hätten, sondern vielmehr darauf, dass manche Kulturen (zum Beispiel im Mittelmeerraum oder in Neuguinea) expressives Verhalten fördern, andere dagegen (etwa in Skandinavien oder in Japan) Zurückhaltung im Zeigen von Gefühlen verlangen.
 
Ob der mimische Ausdruck als Signal erkannt und wie er interpretiert wird, ist eine weitere Frage. Da Menschen von ihrer Geburt an Mimik immer in Verbindung mit anderem Verhalten und sozialer Interaktion wahrnehmen (beispielsweise das »sorgenvolle« Gesicht der Mutter nach einem Streit mit dem Vater), kann man davon ausgehen, dass die Assoziationen, die wir im Zusammenhang mit der Mimik im Laufe unseres Lebens knüpfen, einen wesentlichen Einfluss auf unser »Gefühl« beim Anblick eines menschlichen Gesichtsausdruckes haben.
 
 Die Hjortsjö-Eckman-Friesen-Methode der Mimikanalyse
 
Obgleich, wie erwähnt, seit der Entwicklung der Kinematographie die technischen Voraussetzungen dafür geschaffen waren, den Ablauf der mimischen Muster in seiner Bewegung festzuhalten, hat sich der wissenschaftliche Standard der Mimikanalyse erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbessert. Waren die Beobachtungen vorher teilweise ungenau und vor allem subjektiv, so entwarf der schwedische Anatom Carl-Herman Hjortsjö in den 1960er-Jahren schließlich eine objektive Beobachtungsmethode.
 
Hjortsjö fasste die bereits gewonnenen Einsichten in die mimische Muskulatur des menschlichen Gesichts zusammen und stellte anhand von Schemazeichnungen dar, welcher Muskel welche genau definierbaren Veränderungen im Gesicht hervorruft. Im Gesicht definierte er klar zu erkennende Punkte und Linien als Orientierungsmarken, darunter die Lippen, die Mundwinkel, die schräg von der Nase zu den Mundwinkeln abfallende Falte (Nasolabialfalte) und die Augenbrauen. Zusätzlich beschrieb er die Veränderungen, die an den normalerweise mehr oder weniger glatten Flächen vor sich gehen, zum Beispiel waagerechte Stirnfalten oder senkrechte Falten über der Nasenwurzel. Die weiteren Studien führte er zum Teil an sich selbst vor dem Spiegel durch. Dabei lernte er die kleinsten getrennt innervierbaren, also eigene Nervenimpulse erhaltenden Einheiten der Mimik genau kennen und nummerierte sie. Der innere Teil des großen Stirnmuskels erhielt zum Beispiel die Ziffer »1«, der seitliche Teil desselben Muskels die Nummer »2«. Letzteren Muskel benutzen wir beispielsweise dann, wenn wir einem Partner oder einer Partnerin ein verstohlenes Zeichen geben, etwa wie es im Lied heißt »Winken mit dem Äugelein und Treten mit dem Fuß. ..«. Das »Winken« erfolgt dabei mit dem äußeren Anteil der Augenbrauen, doch das wäre für ein Liebeslied wohl ein wenig zu prosaisch.
 
Die von Hjortsjö vorgenommene Einteilung der Effekte mimischer Gesichtsbewegungen nach dem Kriterium der kleinsten getrennt aktivierbaren Einheiten erlaubte nun, eine saubere Partitur der mimischen Vorgänge in ihren zeitlichen Abläufen zu erstellen. Die methodische Voraussetzung dafür wurde von den amerikanischen Forschern Paul Ekman und Wallace Friesen erweitert, die Hjortsjös Modell weitgehend übernahmen. Sie wiesen mittels Elektroden, die sie in ihre eigene Gesichtshaut gepiekst hatten, die Genauigkeit der von Hjortsjö beschriebenen Nerven-Muskel-Einheiten nach, die sie in Aktionseinheiten (action units) umbenannten.
 
Neben diesen, durch Muskelaktivitäten eindeutig festgelegten, insgesamt 44 Aktionseinheiten unterscheiden Ekman und Friesen weitere 14 Bewegungen, an denen die Augen und der Kopf beteiligt sind. Diese »action descriptors« umfassen unter anderem Bewegungen des Kopfes, der Augäpfel oder des Kiefers. Die Mimikanalyse muss neben den beteiligten Muskeln und Nerven auch die Zeitspanne betrachten, in der Kombinationen von Muskelbewegungen stattfinden. So kann beispielsweise ein kurzes Anheben der Augenbrauen ein »ja« oder einen Gruß bedeuten, während ein langsames Heben Arroganz und Unwilligkeit signalisieren mag.
 
 
Auf der Abbildung ist eine junge Frau aus Tauwema (einem Dorf auf der Trobriand-Insel Kaileuna, östlich von Neuguinea) zu sehen, die ihren Gesprächspartner gerade anlächelt. Obwohl die Frau fremd ist und einer anderen Kultur angehört, erkennen wir sofort und intuitiv, dass sie ein sehr freundliches Signal sendet. Wir empfinden auch, dass das Lächeln ihr Gesicht attraktiv macht. Das gilt für Menschen aus allen Kulturen in gleicher Weise. Der Stellmotor des Lächelns ist der große Jochbeinmuskel (Aktionseinheit 12), der vom Mundwinkel zum Jochbein unterhalb der Augenhöhle zieht. Wenn er sich verkürzt, bewegt er dementsprechend den Mundwinkel nach oben außen und legt dabei die Zähne des Oberkiefers frei. Das Weiß der Zähne verstärkt durch seinen Kontrast zu den Lippen das Signal. Bei stärkerem Lächeln wird außerdem der große Ringmuskel um die Augen (Aktionseinheit 6) innerviert. Der Teil des Muskels der um den Augenhöhlenrand läuft, zieht sich zusammen, sodass sich der obere Teil der Wange nach oben schiebt und die bereits erwähnten »Krähenfüßchen« entstehen. Die Veränderung der Muskulatur um das Auge verlegen Volksmund und Dichter in das Auge selbst: »Ihre Augen strahlten« oder »Ein plötzlicher Glanz war in seinen Augen«. Möglicherweise spielt hier auch eine vermehrte Abgabe von Tränenflüssigkeit, die die Hornhaut des Auges benetzt, eine Rolle.
 
Nach verschiedenen Untersuchungen bewegen sich die Augenringmuskeln nur dann mit, wenn das Lächeln nicht gestellt ist. Gekünsteltes Lächeln als Element der Konvention, etwa im Kunden gespräch, besitzt nicht den »Krähenfüßchen-Effekt« und wird dementsprechend von uns anders interpretiert. Paul Ekman und seine Mitarbeiter haben die Kombination aus den Aktionseinheiten 12 und 6 »felt smile«, also »gefühltes Lächeln«, auch »Duchenne smile« genannt.
 
Dass die Mundwinkel beim Lächeln nach oben gehen, ist sehr wahrscheinlich auf ein stammesgeschichtliches Erbe zurückzuführen. Bei vielen Säugetieren, etwa bei Hunden, zieht ein Muskel vom Kopf über die Ohren und das Jochbein zum Mundwinkel. Dieser Muskel wird unwillkürlich innerviert, wenn das Tier Furcht empfindet. Dann legen sich, entsprechend dem Zug der Muskulatur, die Ohren nach hinten, und die Oberlippe wird nach oben außen gezogen. Dadurch werden die Zähne des Oberkiefers freigelegt. Der Mund befindet sich aber, der furchtsamen Stimmung gemäß, nicht in Beißstellung. Die Tierethologen nennen diesen mimischen Ausdruck, der auch bei den uns nächststehenden Primaten vorkommt, Furchtgrinsen. Das Lächeln mag sich aus diesem Grinsen entwickelt haben. Dass sich ausgerechnet ein eher aggressives mimisches Muster in der Stammesgeschichte zum so freundlichen Lächeln entwickelt haben soll, mag merkwürdig oder widersinnig erscheinen. Aber gerade bei der Überwindung von schwierigen oder fremden Situationen spielt Lächeln eine wichtige Rolle, etwa zur Unterstützung einer Entschuldigung. Während Grinsen durch die Kombination »Furcht — leichtes Drohen — leichte Unterwerfung« bestimmt ist, ist Lächeln als Kombination von »defensiver Entschuldigung« und »freundlichem Appell« charakterisiert.
 
 
Während beim Lächeln die Mundwinkel nach oben und außen gezogen werden, bewegt beim Weinen ein Muskel (Aktionseinheit 15) zwischen Mundwinkel und dem Unterrand des Unterkiefers die Mundwinkel nach unten und außen und bewirkt den Ausdruck der Trauer. Das wird auch bei Betrachtung der Abbildung deutlich: Die beiden Bewegungsrichtungen der Mundwinkel drücken genau Gegensätzliches aus.
 
Bereits Darwin hatte dieses Phänomen der »Antithese« in der Erklärung von mimischen Bewegungen beschrieben. Durch Selbstversuche kann man leicht feststellen, dass es nicht möglich ist, eine freudige Stimmung zu empfinden, wenn die Mundwinkel nach unten gezogen sind. »Depression«, Heruntergedrücktsein, ist eine zutreffende Bezeichnung für die mit dem Gesichtsausdruck einhergehende Stimmung. Tränenfluss kann sowohl beim Weinen als auch beim Lachen ausgelöst werden; wie es zu dieser mimischen Parallele kommt, ist noch ungeklärt. Beim Weinen ist oft eine weitere Kombination mimischer Zeichen zu beobachten: Die Augenbrauen werden zusammen- und heruntergezogen, während der innere Teil des großen Stirnmuskels einen Gegenzug nach oben bewirkt, sodass über der Nasenwurzel eine charakteristische Faltenbildung entsteht und das innere Ende der Augenbrauen einen Bogen nach oben macht. Der Ausdruckspsychologe Philipp Lersch hat für diesen Verzweiflung ausdrückenden Gesichtsausdruck den treffenden Begriff »Notfalte« geprägt.
 
 Augen und Augenbrauen
 
Unsere Augen spielen in der Mimik eine zentrale Rolle. Die Blickrichtung wird für unsere Kommunikationspartner durch den starken Kontrast zwischen dunkler Pupille, der zentralen Öffnung der farbigen Iris (Regenbogenhaut), und dem weißen Augapfel besonders hervorgehoben. Blicke werden vor allem in der sprachbegleitenden Kommunikation eingesetzt. Signale der Augen ihrer Eltern sind bei Neugeborenen eine der ersten Formen visueller Wahrnehmung.
 
Eine allen Menschen eigene Reaktion ist der Schließreflex der Iris, der den Lichteinfall auf die Netzhaut regelt. Die Iris reagiert aber nicht nur auf Helligkeitsänderungen, sondern auch auf das Wahrnehmen interessanter Bilder. Nehmen wir etwas wahr, das unser positives Interesse weckt, erweitert sich die Pupille für kurze Zeit über das Maß hinaus, das bei den vorhandenen Lichtverhältnissen normal wäre. Diese Pupillenveränderungen werden von einem Betrachter als Signal für eine gesteigerte Aufmerksamkeit wahrgenommen. Gesichter — vor allem Frauengesichter — mit größeren Pupillen wirken auf uns positiv und schön und ziehen unser Interesse auf sich. Umgekehrt ordneten Versuchspersonen in einem Experiment Gesichter mit kleinen Pupillen stets einem verärgerten Gesichtsausdruck zu.
 
Die Muskeln, die das Auge umgeben, wirken ebenfalls an der Sprache der Augen mit. So können wir das Auge durch das Augenlid verdecken, blinzeln oder die Lidspalte verengen. Viele dieser Bewegungen dienen dem Schutz des Auges vor Fremdkörpern oder zu viel Helligkeit. Auch die Augenbrauen und die sie bewegenden Muskeln haben eine Doppelfunktion. Sie schützen das Auge zum Beispiel vor zu hellem Licht, indem sie die Augenöffnung verkleinern, andererseits sind sie an verschiedenen Aktionseinheiten beteiligt. So können die Augenbrauen in den Aktionseinheiten 1 (der mittlere Teil des Stirnmuskels hebt die Augenbrauen, sodass sich die Mitte der Stirn in Falten legt), 2 (der innere Teil des Stirnmuskels hebt die Augenbrauen seitlich an und bildet so Falten über der seitlichen Stirn) und 4 (der Muskel unter den Augenbrauen zieht diese herunter und zur Nase hin zusammen und bewirkt die schon erwähnten Falten über der Nase) in insgesamt sieben Kombinationen als Signal dienen. Paul Ekman und seine Mitarbeiter stellten fest, dass diese sieben Augenbrauenbewegungen so gut wie überall auf der Welt über die gleichen Emotionen Auskunft geben: So wird Trauer mit der Aktionseinheit 1 oder der Kombination der Aktionseinheiten 1 und 4 gezeigt, Angst mit der Kombination der Aktionseinheiten 1, 2 und 4, Überraschung und Interesse dagegen mit der Kombination der Aktionseinheiten 1 und 2. Letztere ergeben als schnelles Augenbrauenheben den von Irenäus Eibl-Eibesfeldt und dessen Mitarbeitern ausführlich untersuchten »Augengruß«. Dieses Signal kann freundliches Begrüßen (in Japan unter Erwachsenen eine unschickliche Geste, in Europa und den USA meist nur zwischen befreundeten Personen üblich) oder ein Zeichen des Bedankens und der Zustimmung, im entsprechenden Zusammenhang auch Neugier bedeuten. Am besten kann man es als Zeichen der Bejahung eines sozialen Kontakts beschreiben. Das länger anhaltende Heben der Augenbrauen bei negativer Überraschung oder Ärger signalisiert dagegen Unmut oder Verachtung.
 
Ebenfalls für den Ausdruck negativer Emotionen steht das »finstere« Zusammenziehen der Augenbrauen, auch in Kombination mit anderen Muskelbewegungen. Vor allem wenn gleichzeitig die Stirn gefaltet wird, ist es der Gesichtsausdruck der Angst und Verzweiflung, alleine dastehend ein Zeichen von Ärger und Skepsis. Der Muskel unter den Augenbrauen zieht sich beim Blick in helles Licht blitzschnell zusammen und verengt das Augenfeld. Die wie eine Sonnenblende bei der Kamera wirkenden buschigen Augenbrauen schützen reflektorisch die sehr lichtempfindliche Netzhaut im Auge, ohne dass wir diese Bewegung willkürlich in Gang setzen. Die ablehnende Bedeutung leitet sich vermutlich daraus ab, dass wir uns durch die zusammengezogenen Augenbrauen im übertragenen Sinn vor etwas schützen, uns von etwas oder von jemandem distanzieren.
 
 Naserümpfen und Ekelgesicht
 
Der »Heber der Oberlippe und des Nasenflügels« (Musculus levator labii superioris alaeque nasi) hat für das Innere der Nase, eine ähnliche Schutzfunktion wie die Augenbrauenmuskulatur für die Augen, wenn auch nicht so ausgeprägt wie dort. Seine Aufgabe ist es, den Luftstrom, der durch die beiden Nasenöffnungen zur Riechschleimhaut zieht, einzuengen, wenn ein unangenehmer Geruch wahrgenommen wird. Die Reaktion geschieht reflektorisch und unwillkürlich. Allerdings ist ein solches »Naserümpfen« (Aktionseinheit 9) wesentlich ausgeprägter in Situationen zu beobachten, in denen gar kein unangenehmer Geruch wahrzunehmen ist. Es dient dann als mimisches Signal, das als kurz aufblitzendes Zeichen häufig in der sozialen Kommunikation eingesetzt und vom Partner oft gar nicht bewusst wahrgenommen wird. Dessen Bedeutung kann aus der ursprünglichen biologischen Schutzfunktion abgeleitet werden: Durch Naserümpfen verschließen wir uns kurzfristig gegenüber dem, was ein anderer gesagt oder getan hat, vor allem, wenn uns dies peinlich erscheint. Dieses qualifizierende leichte Distanzieren kann auch von eigenen Aussagen und Handlungen erfolgen. Oft wird in dieser Situation das Naserümpfen vom Absenken der Augenlider und/oder dem Abwenden des Blickes oder Kopfes, ebenfalls ein Zeichen für einen momentanen Abbruch des Kontaktes, begleitet. Das Naserümpfen ist jedoch meist mit dem Lächeln verknüpft und damit in eine prinzipiell freundliche Kommunikation eingebettet.
 
Während das Naserümpfen eine eher gemäßigte soziale Reaktion ist, derentwegen niemand in Rage geraten muss, wirkt ein »Ekelgesicht« (Aktionseinheit 10) auf andere ganz anders. Der verursachende Muskel liegt neben dem Muskel für das Naserümpfen, bewirkt jedoch ein ganz anderes mimisches Signal. Er trägt den Namen Caput infraorbitale des Musculus levator labii superioris, was übersetzt so viel heißt wie »unterhalb der Augenhöhle gelegener Kopf des Oberlippenhebers«. Er bewirkt in dem Relief des Gesichts keine Fältchen auf dem Nasenrücken, sondern eine Vertiefung der Nasolabialfalte, die er außerdem in eine trogförmige Form zieht, etwa einem umgekehrten U entsprechend. Gleichzeitig wird, gemäß der Zugrichtung, auch die Oberlippe seitlich der Mitte angehoben. Oft öffnen Menschen, die mit diesem Zeichen reagieren, auch noch den Mund, strecken die Zunge heraus und stoßen eventuell zusätzlich einen »uäh«- oder »chchch«-Laut aus. Die Kombination aller Signale führt ganz eindeutig zu dem Gesicht, das wir auch beim Erbrechen machen.
 
Ein Versuch von Paul Ekman und seinen Mitarbeitern belegt, dass diese Interpretation nicht an den Haaren herbeigezogen ist. Er verdeutlicht, wie eng Emotion und Ausdruck miteinander verbunden sind: Ekman bat Schauspieler, die ihre Mimik gut kontrollieren konnten, bestimmte Gesichtausdrücke wiederzugeben. Dabei benannte er allerdings nicht die Mimik, die die Schauspieler darstellen sollten, etwa »Mache ein trauriges Gesicht!«, sondern gab ihnen genaue Anweisungen, welcher Teil des Gesichts wie zu bewegen sei, zum Beispiel »Ziehe die Mundwinkel nach unten, zieh die Augenbrauen zusammen!«. Bei den Versuchspersonen wurden gleichzeitig über Elektroden die begleitenden physiologischen Parameter wie Herzfrequenz, Blutdruck oder Hauttemperatur gemessen. Tatsächlich entsprachen die physiologischen Reaktionen genau den körperlichen Veränderungen, die mit der entsprechenden Emotion einherzugehen pflegen.
 
Was Ekman nicht aufgefallen war, ist die Bedeutung, die das Absinken der Herzfrequenz beim Ekelgesicht (und nur dabei) hat. Der Brechakt wird von zwei Nerven gesteuert (Nervus vagus und Nervus glossopharyngeus), die verlangsamend auf die Herzaktion wirken. Hier wird also klar, dass das Ekelgesicht im Sinne der Verhaltensforschung tatsächlich eine Ritualisierung des Brechaktes ist: Reflektorischen Brechreiz bekommen wir etwa, wenn wir verdorbene Speisen oder stinkende Ausscheidungen von Mensch oder Tier riechen und/oder sehen. Oftmals ist aber gar nichts in der Nähe, was diese sehr heftige Schutzreaktion bei unseren Mitmenschen hervorrufen könnte, wenn sie sich in alltäglichen Interaktionen mit ihresgleichen befinden. Das Signal sagt dann unmissverständlich, was man vulgär als »Ich finde dich zum Kotzen!« umschreibt. Eine Steigerung wird erreicht, wenn man vor dem anderen oder gar auf ihn ausspuckt. Damit ist der Brechakt nicht nur angedroht, sondern auch symbolisch vollzogen; ein Signal, das auf der ganzen Welt heftige Reaktionen hervorruft.
 
Prof. Dr. Wulf Schiefenhövel und Jörg Blumtritt
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
nonverbale Kommunikation und soziale Interaktion
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Kommunikation: Eine Einführung
 
 
Argyle, Michael: Körpersprache & Kommunikation. Aus dem Englischen. Paderborn 71996.
 Barthes, Roland: Elemente der Semiologie. Aus dem Französischen. Frankfurt am Main 21988.
 Darwin, Charles: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren. Aus dem Englischen. Stuttgart 1872. Nachdruck Nördlingen 1986.
 Frey, Siegfried: Die nonverbale Kommunikation. Stuttgart 1984.
 
Funk-Kolleg Sprache, herausgegeben von Klaus Baumgärtner u. a.Band 1. Frankfurt am Main 1987.
 Hall, Edward T.: The silent language. New York u. a. 1959. Nachdruck New York u. a. 1990.
 Hjortsjö, Carl-Herman: Man's face and mimic language. Aus dem Schwedischen. Lund 1970.
 Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe. 4 Bände. Leipzig u. a. 1775-78. Nachdruck Zürich 1968-69.
 Lersch, Philipp: Gesicht und Seele. München u. a. 71971.
 
Der Mensch und seine Gefühle, herausgegeben von Venanz Schubert. St. Ottilien 1985.
 Nöth, Winfried: Handbuch der Semiotik. Stuttgart 1985.
 Schiefenhövel, Wulf: Signale zwischen Menschen, in: Funkkolleg Der Mensch. Anthropologie heute, herausgegeben von Wulf Schiefenhövel.Studienbrief 4. Tübingen 1992.

Universal-Lexikon. 2012.

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  • nonverbale Kommunikation durch Duftstoffe, Berührung und Laute —   Das folgende Kapitel widmet sich den einzelnen Formen der nichtsprachlichen Kommunikation. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, mit welchen speziell ausgebildeten Sinnen der menschliche Körper seine »Kommunikationsaufgabe« erfüllt.  … …   Universal-Lexikon

  • Kommunikation — Austausch; Informationsaustausch; Schriftverkehr; Verständigung * * * Kom|mu|ni|ka|ti|on [kɔmunika ts̮i̯o:n], die; , en: Verständigung durch die Verwendung von Zeichen und Sprache: die Kommunikation innerhalb des Betriebs muss verbessert werden.… …   Universal-Lexikon

  • Kommunikation (Soziologie) — Als Teil der sozialen Interaktion wird die zwischenmenschliche bzw. interpersonelle Kommunikation verstanden, welche aus soziologischer Sicht äußerlich sichtbare wechselseitige Aufeinanderwirken zwischen Individuen zum Zwecke der Abstimmung des… …   Deutsch Wikipedia

  • nichtverbale Kommunikation — nichtverbale Kommunikation,   nonverbale Kommunikation, zusammenfassende Bezeichnung für nichtsprachliche Verhaltens und Interaktionselemente (Körperkontakt, bewegungen, haltung, Gesten, Gebärden, Gesichtsausdruck, Mimik, Sprechweise, Stimme,… …   Universal-Lexikon

  • Interpersonale Kommunikation — Als Teil der sozialen Interaktion wird die zwischenmenschliche bzw. interpersonelle Kommunikation verstanden, welche aus soziologischer Sicht äußerlich sichtbare wechselseitige Aufeinanderwirken zwischen Individuen zum Zwecke der Abstimmung des… …   Deutsch Wikipedia

  • Interpersonelle Kommunikation — Als Teil der sozialen Interaktion wird die zwischenmenschliche bzw. interpersonelle Kommunikation verstanden, welche aus soziologischer Sicht äußerlich sichtbare wechselseitige Aufeinanderwirken zwischen Individuen zum Zwecke der Abstimmung des… …   Deutsch Wikipedia

  • Gebärdensprache — Fingeralphabet; Körpersprache; Zeichensprache; Gestensprache * * * Ge|bär|den|spra|che 〈f. 19〉 Sprache, Verständigung durch Gebärden, Zeichensprache * * * Ge|bär|den|spra|che, die: aus Gebärden bestehende Sprache; Verständigung mittels Gebärden:… …   Universal-Lexikon

  • lachen — grinsen; kichern; schmunzeln; grienen; feixen; gickeln (umgangssprachlich); gackern (umgangssprachlich); lächeln; gackern (derb); …   Universal-Lexikon

  • Lachen — Gefeixe; Gekicher; Gelächter; Gegacker * * * la|chen [ laxn̩] <itr.; hat: 1. a) durch eine Mimik, bei der der Mund in die Breite gezogen wird, die Zähne sichtbar werden und um die Augen Fältchen entstehen, zugleich durch eine Abfolge stoßweise …   Universal-Lexikon

  • Emotion — Empfindung; Stimmungslage; Sentiment; Gefühlsbewegung; Regung; Gefühlsregung; Gespür; Gefühl; Affekt * * * Emo|ti|on 〈f. 20〉 Gefühls , Gemütsbewegung, Erregung [<frz. émotion „Erregung, Rührung“] …   Universal-Lexikon